Hallo, ich grüße dich unbekannterweise.
Darf ich dir anvertrauen, dass ich mir jetzt, wo ich den Brief anfange, erst mal gedacht habe „Warum sollten meine Worte irgendeinen Unterschied machen?“ … Doch andererseits habe ich in (meinen eigenen) schweren Zeiten und in einer Therapie gelernt, umzudenken (das war nicht leicht) und versuche jetzt, eher zu denken „Was, wenn das jemand liest und sich freut, dass sich ein anderer jemand die Zeit genommen hat bzw jemandem, den sie*er nicht kennt, einfach aus Solidarität und so was wie Nächstenliebe schreibt? Würde ich mich darüber freuen? Oder wenn ich auch keine Kraft zum aktiven Freuen hätte, würde es mir irgendetwas bedeuten, so eine kleine Botschaft zu lesen? Wenn du mir schreiben oder auch nur an mich denken würdest, ich wüsste, es würde mir viel bedeuten.
Aber in diesem kleinen Brief geht es um dich, um mein unbekanntes Gegenüber. Du, die*der dies gerade liest. Ich möchte dir gerne vor allem sagen: Ich glaube dir, dass es dir schlecht geht. Es tut mir extrem leid, dass es dir schlecht geht, es ist einfach beschissen… Ich hoffe sehr, irgendwie kannst du glauben, dass ich denke, du bist wertvoll – auch wenn ich dich nicht kenne. Aus meiner Sicht gibt es keine wertlosen Menschen. Was sollte das auch sein? Warum sollte irgendjemand oder -etwas einen größeren Wert haben, nur, weil die Person gerade (nicht) arbeitet/arbeiten kann, viel arbeitet oder ohne Arbeit ist, ein*e Chef*in ist oder super Klavier spielen kann. Wer bin ich denn, zu beurteilen, dass jemand angeblich mehr Wert ist. Wir sind alle Menschen. Wir kommen alle gleich auf die Welt, auch wenn wir unterschiedlich aussehen oder so. Wir alle können in Notlagen kommen, wir alle können (psychisch) krank werden. Wir alle.
Ich wüsste ehrlich gerne, wie du heißt – bestimmt hast du einen interessanten Namen bzw einen Namen mit einer interessanten Bedeutung (ich liebe es, Namensbedeutungen zu googlen). Vielleicht siehst du es nicht so, dass dein Namen interessant ist, aber kennst du das, wenn du jemandem ein Kompliment machst und die Person sagt „Oh, finden Sie/ findest du?“ und du merkst, die Person ist unsicher oder kann das Kompliment nur schwer annehmen, sich aber freut? Ich finde, es ist eines der schönsten Gefühle, ein Kompliment zu machen und jemandem ein (hoffentlich) positives Gefühl zu vermitteln. Mir hat es schon so oft geholfen, zu sehen, dass es anderen nicht scheissegal ist, wie es Mitmenschen geht. Dass sich andere für deren Mitmenschen aufrichtig interessieren. Mir hat das geholfen – sowohl, wenn es mir scheiße ging, als auch, wenn es anderen scheiße ging. Aber ich weiß auch – auch aus Familie und von Freund*innen – dass Freude manchmal nicht möglich ist. Es ist manchmal einfach beschissen und unglaublich schwer.
Egal, wer du bist, ich wünsche dir alles erdenklich Gute. Ich hoffe sehr, du kannst Hilfe erfahren und irgendwie darauf vertrauen, dass diese Personen absolut keine Scham darin sehen, dass du Hilfe suchst. Im Gegenteil. Denn wir alle brauchen Hilfe. Und sich jemandem anzuvertrauen ist oft ein großer Schritt. Ich bin wirklich komplett sicher, dass sich die Personen, die Hilfe bieten können, ob es Personen sind, die du kennst, oder denen du dich anonym anvertrauen kannst, freuen, dass du sie kontaktierst. Dass du da bist.
Viele Grüße an dich
Miriam