Ich weiß, dass es nichts bringen wird, dass ich dir sage, dass noch viele schöne Momente auf dich warten. Ich weiß selber wie es ist, sich zu denken: „Bullshit! Ich habe doch jahrelang gehofft, bin ewig irgendwie optimistisch gewesen und hab immer noch eins und noch eins und noch eins drauf gekriegt!“ Deswegen schreibe ich das nicht.
Ich werde dir auch nicht sagen, dass diese eiskalte und unfaire Welt doch so schön ist, nein. Wir kennen die Realität besser als uns lieb ist, wir sehen und erfahren sie jeden Tag: in den Nachrichten, auf der Straße, beim Besuch beim Amt, vielleicht sogar im eigenen Zuhause. Das sehe ich und das fühle ich und da bin ich nicht die Einzige.
Trotz alldem will ich dich fragen: Willst du dich wirklich schon verabschieden?
Von den Leuten, die dir wichtig sind? Die, die dir das Gefühl geben, dass du richtig bist? Und wichtig?
Von deinem Haustier? Von dem weichen Fell und dieser bedingungslosen Liebe? Von diesem Wesen, dessen ganze Welt du bist?
Willst du wirklich schon Tschüss sagen zu
Deinem Lieblingslied? Dass dir so ein wohliges Gefühl im Bauch gegeben hat und du kurz dachtest: „Wow, irgendwie ist alles gerade…schön?“
Deinem Lieblingsplatz, wo das Wasser so schön plätschert, die Bäume so schön grün sind, oder die Wellen an den Felsen brechen?
Deinem Lieblingspulli, der dir ein wohliges Gefühl gibt, sobald du ihn anziehst?
Willst du nie wieder dein Lieblingsessen essen? Genau diesen Geschmack schmecken?
Es wäre ein Abschied für immer und du denkst dir jetzt wahrscheinlich, dass du das weißt, aber wie oft hat es denn so ewig gedauert, bis du wirklich etwas begriffen hast? Und dieses Mal wäre dieses Begreifen nicht nur zu spät, sondern es würde einfach im Nichts verpuffen.
Das wäre dir aber egal, denkst du jetzt sicher – aber die Realität ist auch: du weißt das ja gar nicht, du kannst dir da nicht sicher sein.
Wenn du jetzt gehst, verabschiedest du dich von all diesen Dingen, die du so sehr liebst und nicht nur das, denn: du ziehst das Leben aus der Verantwortung, du übergibst das Feld – nicht kampflos, das weiß ich – aber das was bis jetzt war, kann doch nicht alles gewesen sein, oder? Da muss doch noch ein bisschen mehr kommen, das ist ein bisschen wenig, meinst du nicht? Das Leben sollte es sich jetzt nicht bequem machen dürfen, du darfst es ihm nicht einfach machen. Das heißt nicht, dass dich kraftlos zusammenreißen sollst, nein, du kannst auch einfach nur bleiben, da sein, das ist erstmal genug. Du kannst auch erstmal nur so da sitzen, aber vergiss nicht, es dir bequem zu machen, so wie es dir gerade möglich ist.
Menschen die Wunden haben, haben irgendwann verheilte Narben und Menschen mit verheilten Narben wissen warum es Menschen mit Wunden gibt. Ohne Menschen mit verheilten Narben würde nichts mehr gehen – und irgendwann wirst du einer von ihnen sein und etwas besser machen können und wenn es nur im Kleinen ist und ich verspreche dir: es wird ein Gefühl auslösen, wie es nur dein Lieblingsplatz, dein Lieblingslied, oder dein Lieblingspulli kann.
Aber bevor wir an die Zukunft denken, denk daran: es ist noch nicht deine Zeit zu gehen, überlass dem Leben nicht das Feld, das darf es nicht gewesen sein.
Ich sehe dich.
j.