Hey du,
Du bist hier, du liest diesen Brief und es scheint einen kleinen Teil in dir zu geben, der auf diese Website gegangen ist und Wünsche hat. Ich war selbst in vielen Momenten, in denen ich nicht mehr leben wollte. Manchmal, da bin ich es immer noch, ganz verborgen und ohne, dass es jemand mitbekommt. Es ist ein so schlimmes Gefühl. Ein Ziehen im Hals, in der Brust- die Gedanken im Tunnelblick und das Sehnen nach Stille. In einem dieser Momente sagte mein Therapeut zu mir (und vielleicht hilft es dir ja): „Sie können den starken Wunsch haben, nicht mehr leben zu wollen und gleichzeitig leben.“ Ja, so absurd es sich anhört, es ist möglich. Genauso wie man gegen die Angst handeln kann, während man Angst hat. Das suizidale Denken ist eine Schwebe, wie eine Achterbahn, die auf einmal keine Gleise mehr hat. Bald, ganz bald, können diese Gleise wieder kommen- das werden sie, weil es immer so ist. Und dann fühlst du dich wieder aufgehoben, sicher. Ich kann dich bitten wie ich kann, dir nicht das Leben zu nehmen, aber letztlich liegt die Entscheidung bei dir. Du musst nicht leben wollen, um zu leben. Es reicht momentan zu existieren. Die nächste Minute, Stunde und vielleicht Tage. Gegen das unangenehme Gefühl im inneren kannst du aber trotzdem etwas tun, genauso gegen den Wunsch nach Stille. Du kannst z.B. schlafen, Serien gucken, lesen oder dich in die Natur setzen. Du musst nicht lernen, kochen oder etwas Großes tun. Du darfst, wenn du willst, den ganze Tag schlafen oder sitzen. Hauptsache du bist. Sein ist okay für diese schwere Zeit. Allein zu sein, ist eine ganz große Leistung.
Ich denke an dich und hoffe, dass meine Worte hier irgendetwas bewirkt haben. Wenn du bis jetzt gelesen hast, bist du so stark und der kleine Anteil, den ich am Anfang erwähnt habe, leuchtet noch ein wenig. Nutzen wir dieses Licht- es wird größer werden bald. Wie eine Sonne, die aufgeht oder ein Sommer nach einem langen, quälenden Winter.
Fühl dich umarmt, wo auch immer du gerade bist.
Bleib und sei- das ist genug.