Lieber Mensch,
Das Leben ist keine gerade Straße. Es ist eine Reise, und manche von uns geraten auf eine abenteuerliche Überfahrt.
Du stehst an Deck Deines eigenen Schiffes.
Manchmal ist das Meer ruhig, fast spiegelglatt.
Und manchmal türmen sich die Wellen wie Mauern vor Dir auf.
Der Wind pfeift Dir ins Gesicht.
Salz liegt auf Deinen Lippen.
Die Planken unter Deinen Füßen knarren.
Vielleicht vermisst Du den sicheren Hafen.
Den festen Boden.
Den Anker, der Dich hielt.
Doch nun bist Du draußen.
Auf offener See.
Der Horizont sieht jeden Tag gleich aus –
Wasser. Himmel. Weite.
Kein Land in Sicht.
Und doch geschieht etwas.
Unter der Oberfläche ziehen Strömungen.
Dein Schiff schneidet durchs Wasser.
Hinter Dir entsteht Kielwasser – der sichtbare Beweis, dass Du Dich bewegst.
Auch wenn Du es nicht spürst:
Du entfernst Dich von alten Küsten.
Und näherst Dich neuen.
André Gide schrieb: „On ne découvre pas de terre nouvelle sans consentir à perdre de vue, d’abord et longtemps, tout rivage.“
Man entdeckt kein neues Land, ohne das alte Ufer lange aus den Augen zu verlieren.
Vielleicht segelst Du gerade durch Nebel.
Vielleicht ohne Sterne.
Vielleicht mit müden Händen am Ruder.
Und dennoch hältst Du das Steuer.
Es darf anstrengend sein.
Es darf müde machen.
Wer lange gegen Wind und Wellen steht, dessen Arme werden schwer.
Auch die Sehnsucht nach dem alten Hafen ist kein Zeichen von Schwäche. Sie erinnert dich nur daran, dass Du unterwegs bist.
Und tief in Dir gibt es einen Kompass.
Vertraue ihm.
Auch Stürme ziehen weiter.
Auch lange Nächte enden.
Irgendwann wird am Horizont ein Licht auftauchen.
Erst nur ein Schimmer.
Dann ein Leuchtturm.
Dann Land.
Und Du wirst wissen:
Du bist weitergesegelt.
Die Überfahrt war schwer.
Aber sie hat Dich getragen.
Das neue Land liegt vor Dir.
Noch fremd. Noch ungewohnt.
Aber bald fest unter Deinen Füßen.
Bleib am Ruder.
Du bist der Kapitän Deines Schiffs.
Das neue Ufer wartet bereits.
Larissa