Lieber Mensch,
wir kennen einander nicht, und wenn du diesen Brief liest, geht es dir (oder Ihnen) vermutlich nicht gut. Vielleicht eher schlecht oder sogar so schlecht, dass du darüber nachdenkst, ob das Leben für dich noch Sinn macht.
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich auch schon mal so gedacht habe. Aber ich weiß, dass es Menschen häufig so geht. Ich habe deshalb überlegt, ob es mal eine Zeit oder einen Tag in meinem Leben gab, der für mich so gar keinen Sinn gemacht hat.
Und ja, den gab es: Sommer 2015, mein 1. Kind war gerade ein paar Monate alt und es gab ein Familienfest oder so etwas bei uns. Alle saßen im Hof, den ganzen Tag bei schönem Wetter und haben einander nach langer Zeit wiedergesehen und gequatscht. Ich saß mittendrin, mit dunklen Augenringen nach schlafloser Nacht, es war furchtbar warm, das Baby hat die ganze Zeit genörgelt und geschrien. Ich glaub‘ ich hab‘ noch irgendwie gehofft das mal jemand sagt „gib mir doch das Baby“, oder „ich fahr mal ne runde im Kinderwagen mit dem Baby“ oder irgendsowas. Aber nix. Der Tag schien endlos, ich war so müde, so genervt. Dazu noch die buckelige Verwandtschaft die stundenlang ihre alten Kamellen erzählt.
Das Baby ist nun 11 Jahre alt und ich denke oft an den Tag zurück, eben weil er mir so sinnlos erschien. So viel vertane Zeit, ein ganzer Tag voller Nichtstun. Ich hätte vielleicht eine Pause gebraucht, bissl Zuspruch oder irgendwas. Aber da kam nix. Alle waren so mit sich beschäftigt, dass ich da nicht reingrätschen wollte, ich war so alle, dass ich gar nicht gesagt habe wie es mir geht; ich habe auch nicht um Hilfe gebeten.
Trotzdem ändert sich meine Erinnerung an diesen Tag. Es war der letzte Tag im Leben meiner Großmutter, an dem sie ihre zwei noch lebenden Kinder und Enkelkinder bei sich hatte. Für sie war es eine schöne Erinnerung, die sie bis zu ihrem Tod immer wieder erzählt hat.
Vermutlich ist es das, was meine Erinnerung verändert: Für mich war der Tag sinnlos, für meine Großmutter nicht. Die Erinnerung an dieses Erlebnis meiner Oma kommt hinzu zu meiner eigenen Erinnerung an den Tag. Jetzt würde ich nicht mehr sagen, der Tag war sinnlos. Er war furchtbar anstrengend, heiß, ermüdend. Für mich war er nicht schön, und er ist es auch heute noch nicht. Aber jetzt, nach so langer Zeit, hat er mir eine schöne Erinnerung an meine Oma gestiftet.
Ich wünsche dir, dass du diesen Tag überstehst. Dass du um Rat oder Hilfe oder Ablenkung oder sonstwas bitten kannst. Damit du zurückblickst auf diesen Moment, als eine Erinnerung.
Alles Gute, S.